Ulrich Bräker – der arme Mann im «Tockenburg»…

Zuercher Infanterie 1830 47 …ist die Geschichte eines armen Bauern, Salpetersieder und Baumwollspinner aus Wattwil. Er beschreibt sein Leben im Tagebuchstil. Geboren 1735 und gestorben 1798 bietet er einen interessanten Einblick in das damalige Leben eines einfachen Mannes. Auch den Militärdienst beschreibt er in farbigen Bildern. Er kommt ungewollt durch einen Aushebungsoffizier gar in die preussische Armee.

Schützenbat 6 Zürich WK 1884

Das «Schütze 6i» von einst im WK in Zürich, 1884 (Quelle: Wikimedia Commons)

Das Soldatenleben war bereits früher kein Schleck. Zu Zeiten Ulrich Bräkers (1735–1798) und auch noch zu den Anfängen unseres Bataillons (1884 gegründet) musste ein Soldat, ausser der Uniform und dem Gewehr, das meiste selber mit seinem kleinen Sold bezahlen. Zu viel mehr als Wasser, Brot, Erbsensuppe und am Sonntag ein Bier reichte es folglich nicht: Ein Soldat muss das lernen; denn es braucht noch viel andre Waar: Kreide, Puder, Schuhwar, Oehl, Schmiergel, Seife, und was der hundert Siebensachen mehr sind. Und das muss einer alles aus den 6 Groschen zahlen? Ja! und noch viel mehr; wie z.B. den Lohn für die Wäsche, für das Gewehrputzen u.s.f. wenn er solche Dinge nicht selber kann.

Und dazu kam die körperliche Ertüchtigung: Die zweyte Woche mußt‘ ich mich schon‘ alle Tage auf dem Paradeplatz stellen. Da sollt‘ ich vor allen Dingen, unter einem mürrischen Korporal mit einer schiefen Nase (Mengke mit Namen) marschieren lernen. Den Kerl nun mocht‘ ich vor den Tod nicht vertragen; wenn er mich gar auf die Füsse klopfte, schoß mir das Blut in den Gipfel. Unter seinen Händen hätt‘ ich mein Tage nichts begreifen können. Und wenn die Uniform nicht ganz sauber war oder ein Messingknopf nicht glänzte, bezog Ulrich Bräker eine Tracht Prügel.

Schliesslich begannen vor den Toren der Stadt Berlin die Manöver: Wir Rekrutten wurden unter ein Regiment gesteckt. Da gieng`s nun alle Tag vor die Thore zum Manövrieren. Ich hatte immer Kopf und Ohren voll von dem entsetzlichem Lerm der knallenden Büchsen, der Trommeln und Feldmusick, des Rufens der Commandeurs u.s.f. dass ich hätte bersten mögen. Freylich wünscht ich allen meinen Freunden, dass sie solches nur einen Tag sehen möchten. Da waren unübersehbare Felder mit Kriegsleuthen bedeckt. Hier stehen zwey grosse Armeen in künstlicher Schlachtordnung; schon brüllt von den Flanken das grobe Geschütz aufeinander los. Dort versuchen etliche Bataillons ein Heckenfeuer; hier fallen`s einander in die Flanke, da blokiren sie Batterien, dort formiren sie ein doppeltes Kreutz. Hier marschiren sie über eine Schiffbrücke, dort hauen Kürassiers und Dragoner ein, und sprengten etliche Schwadrons Husaren von allen Farben auf einander los, dass Staubwolken über Ross und Mann emporwallen. (aus: Ulrich Bräker, der arme Mann im Tockenburg)

Manöver gibt es auch bei uns im Militärdienst, wenngleich in kleinerem Rahmen – als Zug- und Kompaniegefechtsschiessen oder als Verschiebungsübungen. Doch haben sich die Methode und vor allem die Ausrüstung seither gewaltig geändert. Das Marschieren dagegen scheint wieder in die moderne Armee zurückzukehren, jedoch mit viel kleineren Distanzen, und bisweilen ist die Lust einem Vorgesetzten zu gehorchen immer noch dieselbe. Aber nie sah ich, seit ich Armeeseelsorger bin, einen Offizier oder einen Unteroffizier einen Soldaten prügeln. Auch das Essen ist heute viel besser und niemand muss dafür noch extra bezahlen. Es scheint, dass früher doch nicht einfach alles besser und einfacher war.

Autor: Hptm Asg Kurt Liengme
Titelbild: Zürcher Infanterie, 1830 (Quelle: Wikimedia Commons)

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